Das Thema: Windkraft. Die Arena: Die Ostthüringer Zeitung (OTZ), letzte Tageszeitung der Gegend. Zeit für den Showdown. Dies ist der dritte und letzte Teil einer Reise und der passende Zeitpunkt, um zu gestehen: Für den vollen Genuss sollte man die Teile eins und zwei nicht gelesen haben. Darum ohne weiteres Gerede: Vorhang auf!
- Teil 1: Gegen die Energiewende. Windrad? Nicht vor meiner Haustür!
- Teil 2: Ganz vorn dabei? Zwischen gefühlter und gemessener Nachhaltigkeit.
- Teil 3: Grabenkampf zur Belustigung. KI gegen Heilpraktiker in einem Streit, der keiner ist.
Musik dröhnt blechern aus den Boxen. Sie wird lauter, kündigt den bevorstehenden Kampf an. Die Gespräche schwellen mit an, werden zu Gebrüll, ebben schließlich ab. Einige Fans des blauen Teams beginnen zu klatschen. Einzelne Pfiffe schallen durch die Arena.
Zwei Schatten treten aus dem Tunnel: Der Politiker und sein Streittier. Er ist Landtagsabgeordneter, geriert sich als Kümmerer, wäre gern Landrat. Es ist vielgesichtig. Mehrere Köpfe fletschen die Zähne. Krallen und Klauen sind bereit, den Gegner niederzustrecken. Von 17 auf Angriff getrimmten Körperteilen wird man später lesen. Keines passt zum Anderen.
Der Politiker hat keine Zweifel, dass sein Streittier diesen Kampf gewinnen wird. Es ist erprobt und kommt im gesamten Land zum Einsatz. Mit Vorläufern dieser Züchtung ist er schon um die Häuser gezogen. Jetzt hat die Partei alles zu einer Kreatur zusammengebunden.
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Die Scheinwerfer wandern auf die andere Seite der Arena. Wenige Fans haben sich dort versammelt, sie tragen Grün und trotzen einigen Buhrufen, denn sie freuen sich auf den unverhofften Kampf. Dass es ihn gibt, liegt an der Figur, die eben aus dem Tunnel tritt: Der Redakteur hat sein Streittier an der Leine. Es fliegt leicht über ihm, seine bunten Schwingen bewegen sich gleichförmig auf und ab. Die hellblauen Augen funkeln leer.
Das Gefiederte sieht weit weniger kämpferisch aus als das Vielgesichtige. Einige grüne Fans tuscheln. Hämisches Grinsen regt sich auf der anderen Seite. Dem Redakteur macht das nichts aus. Er geht siegessicher auf den Politiker zu. Sie bleiben wenige Schritte voneinander entfernt stehen, nicken sich zu und verlassen dann den Ring. Zurück bleiben nur ihre Streittiere.
Unter starkem Quietschen schiebt sich eine Metallwand um den Ring herum nach oben. Es entsteht ein eiserner Käfig. Einen Schiedsrichter braucht dieser Kampf nicht. Er wird geführt, bis eine Seite aufgibt. Und das wird nicht passieren.
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Die Zeit des Beschnupperns ist schnell vorbei. Ein Schlagabtausch folgt dem nächsten. Das Vielgesichtige dreht den Rumpf. Zum Vorschein kommt der Kopf eines Mannes, der zum Schrei ansetzt. Auf der blauen Seite zucken einige Fans und bedecken ihre Ohren. Eine Frau mit grünem Schal greift beherzt in ihre Popcorn-Tüte und raunt ihrem Nachbarn zu: „Komm nur her, zeig uns deinen Infraschall!“
Und tatsächlich: Das Vielgesichtige streckt die Zunge heraus und darauf steht … ein kleines Windrad. Es erzeugt eine sichtbare, blaue Wolke aus Schall zwischen den Kontrahenten. Sie bewegt sich auf das Gefiederte zu, das zurückschreckt. Die Schallwolke droht, es gegen den Käfigrand zu drücken. Im letzten Moment öffnet sich der Schnabel des Gefiederten. Tatsächlich öffnet sich eine ganze Luke, die bis zum Bauch des Vogels reicht. Zum Vorschein kommt ein Rasenmähroboter. Er dreht seine Kreise auf einem kleinen Stück Grasland, das nun vor dem Gefiederten schwebt.
Noch bevor sich beide Seiten wundern können, beginnt der Roboter zu schimmern. Eine grüne Wolke baut sich auf, ganz ähnlich zu der des Vielgesichtigen. Sie bewegt sich auf die blaue zu … und die beiden gleichen sich aus. Die Luft zwischen den beiden Streittieren klärt sich wieder. „Nicht lauter als ein Rasenmäher“, flüstert die Schalträgerin.
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Der Redakteur ist erfreut. Das Gefiederte hat einen Treffer gelandet. Es schlägt sich gut, drängt das Vielgesichtige sogar kurz zurück. Dem Redakteur liegt ein Lächeln auf den Lippen. Er kann das Publikum nicht ändern, aber er kann ihm vorführen, wer die besseren Kämpfer hat.
Gegen das Licht der Scheinwerfer blinzelt er vorbei an der Rangelei zur anderen Seite des Rings. Er erkennt nicht viel, aber die Siegesgewissheit des Politikers gegenüber bekommt sicher erste Risse. Die Wetten standen vor dem Kampf entschieden gegen das grüne Team, doch das Gefiederte konnte dem Vielgesichtigen einen harten Kampf abringen. Vielleicht wird es es am Ende niederstrecken. Doch das wird sich erst noch zeigen.
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Auf der blauen Seite schiebt ein Würstchenverkäufer seinen Bauchladen durch das Publikum. Die Brötchen werden ihm links und rechts förmlich aus den Händen gerissen. Er kann sich ein Grinsen schwer verkneifen. Was im Ring vor sich geht, sieht er nicht. Er stört sich nicht daran.
Am Ende des Tages ist der Ring egal. Mal gewinnt man, mal verliert man. Die Regeln des Wettkampfes geben dem einen Wert, aber nur, wenn man nach ihnen spielt. Sein Team hat den Ring längst verlassen. Sicher, jemand muss im Ring stehen, sonst gibt es keinen Kampf. Aber wenn das Vielgesichtige K. O. geht, dann war es ein schlechter Tag. Oder der Schiedsrichter korrupt. Oder, oder, oder.
Das grüne Team ist klein. Es glaubt sich im Vorteil, weil ihr Gefiedertes dem Vielgesichtigen überlegen sei. Der Würstchenverkäufer schüttelt den Kopf. Er hält nichts vom grünen Team. Aber dass sie nicht einmal diese einfache Tatsache verstehen, überrascht ihn immer wieder: Der, dessen Team verliert, wechselt nicht zum Siegerteam. Er kauft sich ein Bier, bedauert es mit seinen Kumpels, und feuert beim nächsten Mal noch stärker an. Man muss nur dafür sorgen, dass das Erlebnis stimmt.
Der Würstchenverkäufer begnügt sich damit, möglichst viele Würstchen zu verteilen. Je mehr Kämpfe es gibt, desto besser. Mit jedem Kampf hängen die Fans sich stärker rein. Sie bringen Freunde mit. Und sie leiden bei jeder Niederlage gemeinsam.
Diese Erzählung ist inspiriert von einem Zeitungsbeitrag (OTZ), der letztlich dazu geführt hat, dass es diesen Blog gibt. Ein Redakteur der OTZ überprüfte darin Teile einer 17-Punkte-Argumentationshilfe gegen Windkraft, die die AfD ihren Leuten an die Hand gegeben hatte. Da ein örtlicher AfD-Politiker nicht auf Nachfragen einging, wurde stattdessen ein Großes Sprachmodell (LLM) benutzt, um Aussagen zu prüfen.
Der Beitrag warf eine Frage auf, die ich mir aus einer progressiven Grundhaltung heraus häufig stelle: Was ist eine gute Reaktion auf die verbreitete, ablehnende Haltung gegenüber der Windkraft? Es gibt (mindestens) zwei Varianten:
- Wir gehen davon aus, dass wir genügend Menschen vom Nutzen der Windkraft überzeugen können und dass sich die allgemeine Meinung ändert, sobald die Windräder da sind. Mit jährlichen Einnahmen in sechsstelliger Höhe (OTZ) vor Augen werden manche sich umorientieren. Und viele Argumente gegen Windkraft sind nicht stichhaltig. Der CDU-Bürgermeister von Remptendorf, einer kleinen Gemeinde in der Gegend, bricht das auf ein nüchternes Argument herunter: „Wir diskutieren hier über eine landesweite Versiegelung im Umfang eines einzigen großen Gewerbegebiets. Das als Untergang des Waldes zu inszenieren, ist unverhältnismäßig“ (OTZ ). In diesem Szenario könnten wir versuchen, genug Leute zu überzeugen, und dann auf den Stimmungswandel zu hoffen, der hoffentlich eintritt, wenn die Windräder stehen. Wie wir dorthin kommen, ist fraglich, denn Fakten ändern Meinungen nur begrenzt (vgl. Sarah Stein Lubrano: Don’t Talk About Politics). Und auf dem Weg dorthin entfachen wir genau die Debatte, die die AfD gern hätte – den Würstchenverkäufer freut’s. Es ist der Versuch, ihr Thema aggressiv zu kapern, umzumünzen und dann mit dem Ergebnis etwas Gutes zu erreichen, und er will wohl überlegt sein.
- Wir gehen davon aus, dass es aussichtslos ist, genügend Menschen vom Nutzen der Windkraft zu überzeugen. Dann ist es verschenkte Mühe, es immer wieder zu versuchen. Schlimmer noch: Es verfestigt die Positionen auf beiden Seiten. In diesem Szenario braucht es andere Technologien, die uns in Zukunft Strom liefern, denn den werden wir brauchen. Als jemand, der den Klimawandel für eine Bedrohung hält, die wir möglichst schnell aufhalten sollten – und auch als jemand, der fossiles Gas satt hat, das unseren Strom verteuert – würde ich mich natürlich freuen, wenn wir schleunigst Erneuerbare zubauen. Windkraft ist hierbei aber nur ein Weg von mehreren. Entsprechend gäbe es Alternativen, über die man reden könnte. Dann gibt es für alle endlich Raum, etwas Produktives zu tun, anstelle immer dagegen zu sein. Und dann gibt es die Chance, der AfD ihren entscheidenden Nimbus zu nehmen: Die Progressiven seien gegen die Bevölkerung, die AfD hingegen schütze sie.
In keinem Fall aber ist es eine gute Idee, in einem Zeitungsbeitrag ein LLM (das Gefiederte) gegen einen Heilpraktiker und seine argumentativen Begleiter (das Vielgesichtige) antreten zu lassen. Die Argumente beider Seiten sind im Zweifel schlicht falsch. Das mag vielleicht noch Klicks generieren, aber es untergräbt auch den Qualitätsanspruch an Journalismus – und es verfestigt Gräben. Es ist wichtig, falsche Tatsachenbehauptungen nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Aber wer LLMs als einzige Quelle nutzt, kann das nicht Recherche nennen.
So sehr mich diese handwerkliche Schwäche des Beitrags stört, so wenig geht es mir um den Journalisten, der den Aufhänger geschrieben hat. Der Journalismus hat eine wichtige Rolle, die er mangels Lokalredaktionen kaum noch ausfüllen kann. Dass sich in der Lokalzeitung Journalisten auf der einen oder anderen Seite in die Debatten einmischen und mitunter nicht als dritte Instanz wirken, halte ich für problematisch.
Die Frage, die der Artikel aufwirft, stellt sich dennoch. Sie ist strategischer Natur und betrifft diese verfahrene, aufgeheizte und kontroverse Debatte, die zu oft am Thema vorbei geht und von der AfD instrumentalisiert wird. Björn Höcke selbst meinte, er wolle mit den Stimmen der Windkraftgegner die absolute Mehrheit in Thüringen erringen (OTZ) – und wir spielen ihm womöglich in die Hände. Wenn wir jede Person, die gegen Windkraft ist, in Höckes Arme treiben, ist der gesamten Sache nicht geholfen. Inszenierte Schaukämpfe tun genau das.
Es hat viel zu lange gedauert, diesen Zeitungsbeitrag zu verarbeiten. Erinnert mich daran, keine Beitragsserien mehr anzukündigen. Ach, und: Fallt nicht auf Würstchenverkäufer rein.

